Karin Ehrich; Christiane Schröder (Hrsg.):
Adlige, Arbeiterinnen und ... Frauenleben in Stadt und Region Hannover vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (= Materialien zur Regionalgeschichte, Bd. 1), Bielefeld 1999.


Einleitung

In das Erscheinungsjahr dieses Buches - 1999 - fallen zahlreiche Jubiläen und Jahrestage, die von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wurden: Vor 100 Jahren, im April 1899, begann in Hannover der erste Gymnasialkurs des Vereins Frauenbildungs-Reform, in dem sich Mädchen und junge Frauen auf das Abitur vorbereiten konnten. - Vor 80 Jahren, im Februar 1919, zogen erstmals Frauen in das hannoversche Bürgervorsteher-Kollegium, dem Vorläufer des heutigen Stadtrats, ein. - Vor 20 Jahren, am 15. Januar 1979, starb Elisabeth Hoffmeier, eine der profiliertesten Kommunalpolitikerinnen der Weimarer Jahre, Inhaberin des Bundesverdienstkreuzes und erste Trägerin der von der Stadt verliehenen Hannover-Plakette. All diese Gedenktage - die Aufzählung ließe sich unendlich erweitern - sind untrennbar mit dem Leben von Frauen in Stadt und Region Hannover verbunden. Daß sie in Vergessenheit geraten sind, zeigt uns, in welchem historischen Vakuum sich Frauen heute bewegen.

Diesen Leerraum zu füllen, Frauen in der Geschichte sichtbar zu machen, ihre Erfahrungen, Wahrnehmungen, Perspektiven und Handlungen zu rekonstruieren sowie schließlich die historischen Erkenntnisse durch frauengeschichtliche Forschungen nicht nur zu erweitern, sondern auch auf ein festeres Fundament zu stellen - das sind die Anliegen des Vereins "750 Jahre Frauen und Hannover e. V.". Zur Erinnerung: 1991 erarbeiteten Martina Jung und Martina Scheitenberger im Auftrag des Vereins für das hannoversche Stadtjubiläum die Ausstellung "... den Kopf noch fest auf dem Hals. Frauen in Hannover in Hannover 1945-48" und den gleichnamigen Begleitband. 1994 gaben Christiane Schröder und Monika Sonneck die Aufsatzsammlung "Außer Haus. Frauengeschichte in Hannover" heraus. Deren Beiträge beleuchten vielfältige, in der Stadtgeschichte und teilweise bis dato bundesweit kaum erforschte Aspekte aus dem Leben von Frauen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Mit dem Sammelband "Adlige, Arbeiterinnen und ... - Frauenleben in Stadt und Region Hannover vom 17. bis zum 20. Jahrhundert" eröffnet der Verein "750 Jahre Frauen und Hannover e. V." erneut aufschlußreiche Einblicke in das facettenreiche Leben von Frauen und bewahrt weitere Aspekte ihrer Geschichte vor dem Vergessen.

Im Mittelpunkt des Bandes stehen auch diesmal nicht die wenigen berühmt gewordenen Frauen, sondern verschiedene soziale Gruppen. Statt die Einmaligkeit eines individuellen Lebenslaufs herauszustreichen, verfolgen die Autorinnen und Autoren einen kollektivbiographischen Ansatz und zeichnen typische Lebensläufe, Karrieremuster, soziale Verhaltensweisen oder die Wirkung allgemeiner Verhältnisse auf das Leben dieser Frauen nach. Das öffentliche Interesse an Biographien, an "subjektiven" Lebensgeschichten als Spiegel der Gesellschaft, nimmt seit einigen Jahren stetig zu, nachdem lange Zeit der Schwerpunkt historischer Forschung auf der Analyse vermeintlich objektiver, übergreifender gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse gelegen hat. Die neue historische Biographieforschung unterscheidet sich jedoch auffallend von ihren traditionellen Wurzeln: Galt einst nur "der große Mann" als einer Biographie würdig, ist es heute immer öfter "der kleine Mann" bzw. "die kleine Frau" oder eben eine Personengruppe, da die vorangegangene Konzentration auf Einzelpersönlichkeiten die Tatsache verschleierte, daß es meist Gruppen von Menschen waren und sind, die mit- oder gegeneinander gesellschaftliche Strukturen präg(t)en und bestimm(t)en und somit "Geschichte mach(t)en". Der kollektivbiographische Ansatz hingegen verhilft ihnen zu ihrer Geschichtsmächtigkeit.

Die Beschäftigung mit der Geschichte von Gruppen von Frauen, die jeweils ein bestimmtes Band vereinte - der Beruf, das gesellschaftliche Engagement oder ein spezifischer Lebensentwurf - bricht Klischees auf und zeigt, wie sich gesellschaftliche Anerkennung, kollektive und individuelle Identität und Selbstwertgefühle ausbildeten. Die historische Auseinandersetzung zeigt, daß Frauen aktive Mitglieder der Gesellschaft waren, deren Leben je nach historischer Zeit, sozialem Status oder Bildungschancen höchst unterschiedlich, vielfältig und facettenreich verlief. Diese Kenntnisse vermeiden einen unkritischen, eindimensionalen Blick, der Frauen noch allzu oft auf ihre vermeintliche Opferrolle reduziert. Mit unseren Forschungen bieten wir Orientierungsmuster für die Leserinnen an, mit denen sie sich identifizieren oder von denen sie sich abgrenzen können. In jedem Fall helfen sie bei der historischen Verortung der eigenen Identität, die im aktuellen Prozeß zunehmender gesellschaftlicher Individualisierung immer notwendiger wird. Zudem fördert die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte die Fähigkeit, zukünftige Lebenssituationen selbständig und bewußt zu gestalten sowie Strategien zu entwickeln, die die Gleichberechtigung der Geschlechter tatsächlich vorantreiben.

Neben den Arbeiten unseres Vereines liegen wenige Publikationen vor, die sich der lokalen und regionalen Frauengeschichte widmen. Nach wie vor klaffen in ihrer Aufarbeitung immense Lücken. Mit dem Titel unseres Sammelbandes "Adlige, Arbeiterinnen und ..." weisen wir auf diese Situation hin: Statt der für eine Aufzählung üblichen drei Substantive (z. B. "Kinder, Küche, Kirche") gibt er nur zwei vor und überläßt es der Assoziationskraft der Leserinnen und Leser, weitere Gruppen von Frauen in die Aufzählung einzufügen. Für welche Gruppen wir uns entschieden haben, zeigt ein Blick in das Inhaltsverzeichnis.

Die Autorinnen und Autoren spannen mit ihren Beiträgen einen zeitlichen Bogen vom 17. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit. Während Ulrike Begemanns Ausführungen über Frauen in den Dörfern des ehemaligen Kirchspiels Limmer die historischen Bedingungen für noch heute wirkungsmächtige Regeln des ländlichen Zusammenlebens aufdecken, erinnern Karljosef Kreter in seinem Beitrag über die Totenfrauen der Stadt Hannover oder Christiane Schröder mit ihren Forschungen über Konventualinnen in den protestantischen Calenberger Klöstern an ungewöhnliche und uns fremd gewordene Lebens- und Arbeitsformen von Frauen. Für die unmittelbare Vergangenheit bringen uns Anke Sawahn mit ihrem Beitrag über die ersten spanischen Gastarbeiterinnen in der Region Hannover und Müjgan Senel mit ihrem Bericht über Migrantinnen aus der Türkei sowohl Fremdes als auch Vertrautes näher. Beide Autorinnen machen - wohl erstmals in einem regionalgeschichtlichen Sammelband - darauf aufmerksam, daß die noch immer als ausländische Mitbürgerinnen bezeichneten Frauen mittlerweile auf eine rund dreißigjährige Geschichte in Stadt und Region Hannover zurückblicken können und damit Teil dieser Gesellschaft geworden sind. Mit der zusätzlichen Veröffentlichung dieser Texte in die jeweilige Muttersprache erkennen wir ihre je spezifische Identität an und fördern gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Globalisierung den multikulturellen Diaglog. Geographisch beschränken wir uns nicht auf die Stadt Hannover, sondern nehmen auch ihr Umland in den Blick. So wird deutlich, daß das, was heute zu einer Region zusammenwächst, in der Vergangenheit oftmals als zwei weitgehend getrennte, aber gleichwohl aufeinander bezogene Lebenswelten begriffen wurde. Während Bettina Korff und Silke Lesemann die spezielle Geschichte der Landhebammen vorstellen, berichtet Kirsten Rüther über die Frauen, die nach ihrer Eheschließung mit Missionaren von dem Heideort Hermannsburg aus ins südafrikanische Missionsfeld aufbrachen. Im Gegensatz zu diesen Lebensentwürfen von Frauen der ländlichen Gesellschaft schildert Ines Katenhusens Aufsatz über die in der "Gedok" vereinten Künstlerinnen und Kunstfreundinnen ein rein städtisches Milieu. Wie ländliche und städtische Lebenswelten aufeinandertreffen konnten, zeigt Detlef H. O. Kopmann am Beispiel von Prostituierten in der Stadt auf.

Aus anderer Perspektive betrachtet, beleuchten die Aufsätze zentrale Weichenstellungen und ihre Wirkungen im Leben von Frauen: Bildungschancen, Berufstätigkeit, gesellschaftliches und politisches Engagement. So analysiert Karin Ehrich, welche Hindernisse die ersten Abiturientinnen in Hannover auf dem Weg zum Studium überwinden mußten, aber auch, welche Handlungsräume sie sich damit eröffneten. Doris Marquardt beschäftigt sich mit den Folgen, die der fast nahtlose Übergang von ehrenamtlicher Arbeit zum Erwerbsberuf für die erste Generation der Fürsorgerinnen mit sich brachte. Arbeit - vor allem bezahlte, aber auch unbezahlte - spielte zu allen Zeiten eine herausragende Rolle im Leben von Frauen; darauf weisen fast alle Beiträge im- oder explizit hin. Die politische Arbeit von Frauen aus breiteren Gesellschaftsschichten setzte jedoch erst im letzten Jahrhundert ein. Die Möglichkeiten der ersten Bürgervorsteherinnen Hannovers bei der Mitgestaltung von Kommunalpolitik in der jungen Demokratie der Weimarer Republik leuchtet Karin Ehrich aus. Warum und wie Frauen der Arbeiterbewegung im Nationalsozialismus Widerstand leisteten, zeichnet Brunhild Müller-Reiß anhand zahlreicher Interviews nach. Bei der Lektüre werden sich jeder Leserin und jedem Leser zweifellos weitere Querverbindungen zwischen den einzelnen Beiträgen erschließen.

Wir wünschen uns, daß dieser Band zu weiteren Forschungen anregt und ein weiterer Schritt auf dem Weg ist, daß die historischen Leistungen und Erfahrungen von Frauen als gleichberechtigter Teil in den Forschungskanon der sogenannten allgemeinen Geschichte aufgenommen werden. Abschließend möchten wir uns bei den zahlreichen Personen, deren namentliche Aufzählung den Rahmen sprengen würde, und den Institutionen bedanken, ohne deren ideelle oder materielle Unterstützung dieser Band nicht hätte erscheinen können. Die Publikation und das ihr vorausgegangene Forschungsprojekt, das wir im Auftrag des Vereins "750 Jahre Frauen und Hannover e. V." durchgeführt haben, hätten ohne das Arbeitsamt Hannover, den Gewinnsparverein der Sparda-Bank Hannover eG, die Klosterkammer Hannover, die Kreissparkasse Hannover sowie das Frauenbüro und das Kulturamt der Landeshauptstadt Hannover nicht realisiert werden können. Ein herzliches Dankeschön gebührt ebenfalls allen Autorinnen und Autoren für ihre anregenden und teilweise höchst überraschenden neuen Forschungserkenntnisse. Dem unbürokratischen und großartigen Engagement von Rosa Flores, Abteilung für Arbeit und Sozialwesen der Königlich Spanischen Botschaft Bonn, sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des türkischen Generalkonsulats Hannover verdanken wir die Übersetzung der Beiträge über die spanischen Gastarbeiterinnen und die Migrantinnen aus der Türkei in die jeweilige Muttersprache. Da sich die Drucklegung des Bandes lange Zeit äußerst problematisch gestaltete, freuen wir uns ganz besonders über die Unterstützung des Kommunalverbandes Großraum Hannover sowie des Niedersächsischen Instituts für Historische Regionalforschung e. V., die mit "Adlige, Arbeiterinnen und ..." ihre neue Reihe "Materialien zur Regionalgeschichte" eröffnen.

Karin Ehrich / Christiane Schröder
750 Jahre Frauen und Hannover e. V.