Carl-Hans Hauptmeyer und Jürgen Rund (Hrsg.): Goslar und die Stadtgeschichte. Forschungen und Perspektiven 1399-1999 (= Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar - Goslarer Fundus 48), Bielefeld 2001.


Einleitung von Carl-Hans Hauptmeyer

Im Jahr 1399 ließ der Goslarer Rat ein Register anlegen, in dem die wichtigen Urkunden der Stadt verzeichnet wurden. Dies bot den Anlass, im Jahr 1999 das 600-jährige Jubiläum des Stadtarchivs Goslar zu feiern. Hierzu fand im renovierten Stadtarchiv eine Archivalienausstellung statt. Darüber hinaus veranstaltete die Stadt Goslar in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Institut für Historische Regionalforschung e.V., Hannover, am 12. und 13. November 1999 ein Symposium zur Stadtgeschichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Die Ergebnisse dieser Tagung präsentiert der vorliegende Band. Noch immer gibt es viele weiße Flecken in der Erforschung der Geschichte Goslars; zudem fehlt eine aktuelle Übersichtsmonographie zur Stadthistorie, wie sie für andere Städte bereits vorgelegt wurde. Daher war es Ziel der Veranstaltung, zum einen wesentliche Aspekte der aktuellen allgemeinen Stadtgeschichte in Grundsatzbeiträgen zusammenzufassen und zum anderen speziell den Stand der Goslarer Stadtgeschichtsforschung aufzuzeigen und bestehende Forschungsdesiderate zu benennen. Hiermit wurde die Basis gelegt für eine vertiefende wissenschaftliche Bearbeitung einzelner bisher wenig oder gar nicht erörterter Themen und für eine gegebenenfalls später folgende modernen Gesamtdarstellung der Goslarer Geschichte.

Seit mehr als einem Jahrzehnt kooperieren die Stadt Goslar und das Historische Seminar der Universität Hannover, hier insbesondere der von mir vertretene Bereich der Regionalgeschichte. Dies führte zu gemeinsamen Seminaren mit Studierenden, zur mehrjährigen Beschäftigung von Absolventinnen und Absolventen des hannoverschen Geschichtsstudiums im Stadtarchiv Goslar sowie inzwischen zu mehreren wissenschaftlichen Aufsätzen und Monographien. Das mit der Durchführung des Symposiums vom November 1999 beauftragte Niedersächsische Institut für Historische Regionalforschung e.V. ergänzte in jüngster Zeit diese Zusammenarbeit.

Der nun vorliegende Band folgt dem Programm der Tagung: vom Alten zum Neuen, vom Allgemeinen zum Speziellen. Den an der Stadtgeschichte generell interessierten Leserinnen und Lesern mögen die - das jeweilige engere, auf Goslar bezogene Themengebiet eröffnenden - Übersichtsbeiträge eine Zusammenfassung des stadtgeschichtlichen Forschungsstandes bieten. Zugleich sollen diese Aufsätze helfen, die goslarspezifischen Inhalte einzuordnen.

Ich freue mich, dass wir für die Tagung und nunmehr diesen Band angesehene Wissenschaftler haben gewinnen können, die Übersichts- und Grundsatzbeiträge zu liefern. Viele der an aktuellen Themen der Goslarer Stadtgeschichte arbeitenden Personen standen als Referentinnen und Referenten zur Verfügung. Dafür sei Ihnen an dieser Stelle herzlich gedankt. Die Autorinnen und Autoren haben von Ihrem Freiraum, die wissenschaftlichen Vorträge in Aufsätze zu fassen, unterschiedlichen Gebrauch gemacht. Der vorliegende Band spiegelt daher die individuellen Vorstellungen und Schreibstile der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wider und verdeutlicht somit die Vielfalt der wissenschaftlichen Ansätze und Interpretationen zur Goslarer Geschichte.

Über die hier abgedruckten Beiträge hinaus hatte der Goslarer Archivleiter, Herr Ulrich Albers, zur Geschichte und zu den Beständen des Goslarer Stadtarchivs referiert. Hierbei ergänzte er die diesbezügliche Publikation von Hillebrand um wichtige Informationen zur Goslarer Archivgeschichte aus den vergangenen 20 Jahren und hob insbesondere die Erweiterung und Neugestaltung des Archivgebäudes in den Jahren 1993 bis 1995 hervor. Eine diesbezügliche Zusammenfassung wurde zur oben genannten Archivalienausstellung vorgelegt. Zwar bestehen, wie auch anderenorts, noch Defizite in der Verzeichnung einzelner Bestände, doch entspricht das Archiv seither allen modernen Anforderungen. Die umfangreichen und z.T. sehr aussagekräftigen Materialien lassen weiterhin die Erörterung einer Vielzahl stadtgeschichtlicher Fragen am Goslarer Beispiel zu.

Gut untersucht und immer wieder im Mittelpunkt des Interesses liegt die mittelalterliche Geschichte Goslars. Allerdings wäre die Neubearbeitung von Einzelthemen sowie eine Zusammenfassung unter modernen mediävistischen Fragestellungen wünschenswert. Goslar war aber mehr als die stets plakativ gewürdigte Stadt des Silbers, die Kaiserstadt und die blühende mittelalterliche Reichsstadt. Der oft beklagte Verfall nach dem Riechenberger Vertrag 1552 muss nach jüngeren Forschungen deutlich relativiert werden. Trotz des nunmehr verbesserten Untersuchungsstandes der frühneuzeitlichen Goslarer Stadtgeschichte wären weitere Studien zur Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte sowie eine Gesamtschau wünschenswert. Besondere Defizite bestehen in der Geschichte des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts. Noch immer steht die Fülle des Materials, insbesondere zur nachmittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte, nicht im Verhältnis zu den bisher abgearbeiteten wissenschaftlichen Fragestellungen. Vergleichsweise gut ist mittlerweile die NS-Zeit untersucht, während die Nachkriegsgeschichte noch weitgehend der Aufarbeitung harrt. Auch für das 19. und 20. Jahrhundert fehlt eine Gesamtübersicht. Vergleichende Arbeiten zur Goslarer Stadtgeschichte sind generell selten.

Dieses Buch hätte nicht entstehen können, wenn Herr Oberbürgermeister Dr. Otmar Hesse und Herr Oberstadtdirektor a.D. Georg Michael Primus nicht an den Belangen der Goslarer Stadtgeschichte ein herausragendes Interesse hätten. Der Leiterin des Kulturamtes, Frau Dr. Heidi Roch-Stübler, ist für den unermüdlichen Einsatz für das Symposium vorrangig zu danken. Frau Dr. Angelika Kroker, Hannover, hat wesentlich zur inhaltlichen Ausrichtung der Tagung beigetragen. Dank gebührt zugleich Herrn Dr. Jürgen Rund, Geschäftsführer des Niedersächsischen Instituts für Historische Regionalforschung e.V., Hannover, der das Gesamtvorhaben von der wissenschaftlichen Vorbereitung der Tagung bis zur Druckvorlage dieses Buches betreut hat.